Helena
von Troja erwacht kurz vor Tagesanbruch vom Geheul der
Luftschutzsirenen. Sie tastet über die Kissen ihres Bettes, aber
ihr gegenwärtiger Liebhaber, Hockenberry, ist fort - er ist
wieder in die Nacht hinausgeschlüpft, bevor ihre
Dienerinnen erwachen, so wie immer nach ihren
Liebesnächten, als hätte er etwas Schimpfliches
getan. Zweifellos schleicht er sich jetzt gerade durch die am
wenigsten vom Licht der Fackeln erhellten Gassen und
Seitenstraßen nach Hause. Helena findet, dass
Hockenberry ein seltsamer, trauriger Mann ist. Dann kommt die
Erinnerung zurück. Mein Gemahl ist tot. Paris'
Tod im Zweikampf mit dem gnadenlosen Apollo ist seit neun
Tagen Realität - die große Bestattungszeremonie, an
der sowohl die Trojaner als auch die Achäer
teilnehmen werden, beginnt in drei Stunden, sofern der
Streitwagen der Götter, der jetzt über der
Stadt ist, Ilium in den nächsten paar Minuten nicht
vollständig zerstört - aber Helena kann
immer noch nicht glauben, dass ihr Paris von ihr gegangen ist.
Paris, der Sohn des Priamos, soll auf dem Schlachtfeld besiegt
worden sein? Paris soll tot sein, in die dunklen Höhlen
des Hades geworfen, bar der Schönheit seines Körpers
und der Anmut seiner Bewegungen? Unvorstellbar. Er ist doch
Paris, ihr schöner Knabe, der sie Menelaos geraubt
habt, vorbei an den Wachen und auf und davon über
Lakedämoniens grünen Rasen. Er ist Paris,
ihr aufmerksamster Liebhaber selbst nach dieser langen Dekade des
ermüdenden Krieges, Paris, den sie oft insgeheim als ihr »satt
gefressenes, dahineilendes Pferd« bezeichnet hat. Helena
schlüpft aus dem Bett und geht zum Außenbalkon
hinüber. Sie teilt die hauchdünnen
Vorhänge und tritt in Iliums anbrechendes Morgengrauen
hinaus. Es ist tiefer Winter, und der Marmor unter ihren
bloßen Füßen ist kalt.
|